Zeit der Perversionen


Schule und Erziehung im Dritten Reich –
ein Interview mit Prof. Dr. Hubert Steinhaus



Bernd Eichingers Film „Der Untergang“ hat zu einer neuen Beschäftigung der Deutschen mit ihrer jüngeren Geschichte geführt. Das cineastische Unternehmen, den Untergang des Dritten Reiches in Form eines Spielfilmes zu dokumentieren, hat allerdings auch Kritiker auf den Plan gerufen.
Prof. Dr. Hubert Steinhaus hat sich als Wissenschaftler intensiv mit der nationalsozialistischen Erziehungs-, Jugend- und Schulpolitik auseinandergesetzt. Er ist Verfasser des Standardwerkes „Hitlers pädagogische Maximen – ,Mein Kampf’ und die Destruktion der Erziehung im Nationalsozialismus“. Von 1975 bis 1997 hat er als Ordinarius für historische und systematische Pädagogik in einem wesentlichen Maße die Forschung und Lehre an der pädagogischen Fakultät der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster mitgeprägt. Steinhaus, 1932 geboren, lebt in Altenberge.

 

 


Der im Herbst dieses Jahres in die Kinos gelangte Film „Der Untergang“ über Hitlers Ende im „Führerbunker“ 1945 hat eine Debatte in Deutschland ausgelöst. Kritiker werfen dem Film vor, er beleuchte nicht die Ursachen dafür, warum das nationalsozialistische Regime sich lange Zeit auf eine Mehrheit der Deutschen stützen konnte. Sie selbst haben sich als Wissenschaftler mit der nationalsozialistischen Erziehungs-, Jugend- und Schulpolitik befaßt. Kann man Menschen zu Nazis erziehen?

Prof. Dr. Hubert Steinhaus: Ich weiß nicht, ob man diese Frage anhand der Erziehungspolitik des Dritten Reiches pauschal beantworten kann. Man muß sich vor Augen führen, daß das NS-Regime letztlich nur zwölf Jahre Bestand hatte. Das ist, will man auf lange Frist überhaupt irgendeine erzieherische Wirkung im Sinne der eigenen Ideologie erzielen, eine recht kurze, eigentlich zu kurze Zeit. Darüber hinaus gilt es zu berücksichtigen, daß NS-Deutschland von diesen zwölf Jahren sechs Jahre lang Krieg geführt hat. In dieser Zeit hatte das Dritte Reich nicht die Reserven, sich ausgiebig mit Fragen der Erziehungspolitik auseinanderzusetzen. Und tatsächlich hat der Nationalsozialismus das Interesse am Thema Erziehung bereits sehr schnell verloren, als es um die Vorbereitung des Krieges ging.
Was eine pauschale Antwort ebenfalls schwierig macht: Die Nazis wollten streng genommen keine Nazis erziehen, sondern vielmehr ein bestimmtes Menschenbild in Kindern zum Erscheinen bringen, bestimmte Tugenden und Eigenschaften vermitteln, die ihrer Ansicht nach einen „guten Deutschen“ auszeichneten.

Was waren denn solche Tugenden, die die Nationalsozialisten als ihrem Regime und ihrer Weltanschauung förderlich erachteten?

Steinhaus: In allen Texten, die wir überhaupt zur nationalsozialistischen Erziehungspolitik vorliegen haben, finden sich die Begriffe Tapferkeit, Opferbereitschaft, sogenannte deutsche Tugenden – die allerdings nach dem klassischen Tugendverständnis nur begrenzt als Tugenden gesehen werden können. Die Nazis wollten fanatische Leidenschaften wecken, Leidenschaften, die ihrerseits zum Beispiel wieder Tapferkeit auslösen. Mit unserem Verständnis von Tugenden hat das wirklich wenn überhaupt, nur sehr wenig zu tun.

Kann man überhaupt von einer originär nationalsozialistischen Erziehungspolitik sprechen?

Steinhaus: Die Ausbeute, wenn man sich als Pädagoge mit dieser Erziehungspolitik befaßt, ist enttäuschend. Da ist nicht viel vorhanden. Dieses Feld ist weit eher für Historiker oder pädagogische Historiker interessant. Während der ganzen Jahre des Nationalsozialismus’ ist nicht auch nur ein einziges pädagogisches Buch veröffentlicht worden, das in pädagogisch-wissenschaftlicher Hinsicht von irgendeinem Wert sein könnte.
Baldur von Schirach, seines Zeichens NS-Reichsjugendführer, hat etwa einmal versucht zu erläutern, was nach Ansicht der Nazis ein Kind von einem Erwachsenen unterscheidet. Das liest sich dann folgendermaßen: „Als Kinder bezeichnen wir nichtuniformierte Wesen niedriger Altersstufen, die noch nie einen Heimabend oder einen Ausmarsch mitgemacht haben.“ Baldur von Schirach war von seinem Intellekt und von seinem biografischen Hintergrund her sicherlich keiner der Dümmsten unter den nationalsozialistischen Funktionären. Aber auf diesem Niveau hat sich im Grunde genommen die gesamte NS-Erziehungspolitik gehalten. Verglichen mit der großartigen pädagogischen Reformbewegung der Jahrhundertwende und der Weimarer Zeit, war es eine Zeit der Verarmung, der Verluste und pädagogischen Perversionen.
Ich bleibe also dabei: Per Saldo gibt es in der nationalsozialistischen Erziehungspolitik für Pädagogen nichts Interessantes zu entdecken. Historisch interessant sind da schon eher die mittleren oder unteren Ebenen des nationalsozialistischen Schulverwaltungsapparates, das Wirken zum Beispiel der nationalsozialistischen Schulbeamten oder solcher Pädagogen, die in das Fahrwasser der Nationalsozialisten gerieten.

Wer die Erziehung in totaler Weise umwälzen will, braucht für ein solches Vorhaben entsprechendes Personal. Mangelte es im Falle des Nationalsozialismus hieran?

Steinhaus: Die Nazis haben, anders als dies in anderen uns bekannten Diktaturen bislang der Fall gewesen ist, die Schulbeamten der Weimarer Republik nicht en gros entlassen. Zu Entlassungen kam es höchstens, wenn sich solche Schulbeamten vorher zum Beispiel öffentlich zur Sozialdemokratie oder auch zum Zentrum bekannt und sich hierdurch in der Logik der Nationalsozialisten „schuldig“ gemacht hatten. Somit gab es während der Jahre des Nationalsozialismus immer wieder Lehrer, die keine innere Bindung an das Regime und seine Ideologie besaßen. Ich selbst habe als Schüler während des Dritten Reiches sowohl in der Grundschule, als auch später auf dem Gymnasium Lehrer gehabt, die mit dem Nationalsozialismus nicht das Geringste am Hut hatten – und das merkten wir als Kinder beziehungsweise Jugendliche auch. Diese Lehrer haben uns nicht zu Nationalsozialisten erzogen, sondern eine ganz normale pädagogische Arbeit geleistet.

Die nationalsozialistische Bewegung und der NS-Staat waren auf die Person Adolf Hitlers als „Führer“ Deutschlands ausgerichtet. Inwieweit fungierte Hitler selbst in der Erziehungspolitik als Stichwortgeber?

Steinhaus: In Hitlers „Mein Kampf“ finden sich tatsächlich erstaunlich viele Seiten zum Thema Erziehung. Und dieses Buch war ja im Grunde der erste offizielle, umfangreichere Text, der auf nationalsozialistischer Führungsebene publiziert wurde. Von daher ist die Analyse von „Mein Kampf“ für alles, was später im Nationalsozialismus Realität wurde, ertragreich.
Hitler selbst hat von drei Zielen gesprochen, die Schule verfolgen müsse: Das erste war der absolute Vorrang der Körperlichkeit vor allem Geistigen. Körperliche Kraft war für Hitler wesentlich. Das zweite Ziel schulischer Erziehung sollte laut Hitler „Charakterbildung“ sein.
Dies nimmt sich recht seltsam aus, denn das klassische Ziel der Schule ist immer gewesen, Wissen zu vermitteln, die Erfahrung von Welt zu ermöglichen. Das Hitlersche Ziel der „Charakterbildung“ kann man zudem leicht mißverstehen, denn Hitler ging es nicht um eine Charakterbildung, wie man sie sich landläufig vorstellen würde, also nicht etwa um moralische Tugenden oder entsprechende Verhaltensweisen. Er verstand hierunter vielmehr Leidenschaften, Kampfgeist, Mut und Tapferkeit – in dem Sinne wie eingangs erwähnt.
Erst an die dritte Stelle rückte bei Hitler die eigentliche schulische Wissensvermittlung, so etwas wie eine wissenschaftliche Erziehung – was tief blicken läßt. Aber auch diese Wissensvermittlung sollte am Ende darauf hinauslaufen, Kindern und Jugendlichen ein Gefühl von der „Überlegenheit der arischen Rasse“ und anderen ideologisch kontaminierten Dingen zu geben.
Das ist das erbärmliche Ergebnis, wenn man Hitlers „Mein Kampf“ auf seine Stellungnahmen zur Erziehung analysiert.
Wenn man all dies betrachtet, dann mußte schlichtweg das passieren, was in dem Film „Der Untergang“ als das Ende des Nationalsozialismus dargestellt wird. Und das, finde ich, ist auch die eigentliche Leistung dieses Films: Er schildert exakt die notwendige Konsequenz einer solchen Ideologie und einer solchen kruden Einstellung zum Menschen und zum Leben. Es ist passiert, was einfach passieren mußte. Es konnte am Ende gar nicht anders kommen. Es hätte nur noch schlimmer kommen können.

Die Barbarei als Konsequenz barbarischen Denkens…

Steinhaus: Die Nationalsozialisten hatten eine explizit barbarische Vorstellung vom Menschen. Für sie gehörte ein jeder Mensch bereits von Natur aus zu den Tapferen, zu den Minderwertigen oder zur großen Masse der Gemischten. Für sie war der Mensch von Natur aus festgelegt. Angeblich Minderwertige waren ihrer Ansicht nach zwangsläufig zu liquidieren. Die große Masse der mittleren, schwankenden Charaktere galt es zu drillen, damit aus ihnen vielleicht noch etwas „Nützliches“ würde.
Für die Erziehungspolitik bedeutete dies: Die Adressaten der Erziehung im Sinne des Nationalsozialismus’ sind im Grunde totale Objekte, die permanent zu irgendwelchen Leidenschaften emporgepeitscht werden. Man schaue sich nur einmal die Begriffe an, die Hitler in „Mein Kampf“ als Synonyma für erziehen verwendet: einflößen, entflammen, eintrichtern und so weiter. Schon alleine diese Begriffe klingen für Pädagogen abartig.

Wer Erziehung auf solch eine platte Weise begreift, für den kann doch auch der Beruf des Erziehenden keinen allzu hohen Stellenwert gehabt haben?

Steinhaus: Hitler hat sich beispielsweise in Gesprächen noch sehr viel despektierlicher über Erziehung geäußert als in „Mein Kampf“. Er konnte sich überhaupt nicht vorstellen, wie ein „normaler Mann“ dazu kommen könne, Lehrer zu werden. Diese Arbeit könnten eigentlich nur Frauen leisten, weil es ihnen nichts ausmache, Kindern täglich ein ums andere Mal einzutrichtern, daß ein A ein A sei oder ähnliches. Hitler war andererseits der Auffassung, nach dem Krieg solle man die Erziehung Unteroffizieren zu überlassen – mit dem Argument, diese seien fähig, Dinge kasernenhofmäßig anzudrillen. So haben sich auch die führenden Nationalsozialisten die Erziehung gedacht. Hitler hat dies in „Mein Kampf“ auf eine schlüssige Parole gebracht: „Wer die breite Masse gewinnen will, muß den Schlüssel kennen, der das Tor zu ihrem Herzen öffnet. Es heißt nicht Objektivität, also Schwäche, sondern Wille und Kraft.“ Man hat nicht den Eindruck, die Nationalsozialisten hätten sich jemals wirklich tiefergehend mit Fragen der Erziehung auseinandergesetzt.

 


Copyright André Hagel und Prof. Dr. Hubert Steinhaus November 2004