„Es gibt immer zwei Seiten“



Als vor 15 Jahren die Mauer fiel und die SED-Diktatur in der DDR zusammenbrach, war Susanne Fritsche zehn Jahre alt. Die Thüringerin, die heute in Berlin lebt und arbeitet, hat über den Staat, der von seinen Bürgern abgeschafft wurde, ein Buch geschrieben: „Die Mauer ist gefallen“ heißt ihre persönlich gehaltene Geschichte der DDR, mit der sie heutigen Jugendlichen den zweiten deutschen Staat erklären will. André Hagel sprach mit der Autorin.



Warum haben Sie mit Ihrem Buch „Die Mauer ist gefallen“ eine Geschichte der DDR speziell für Jugendliche verfaßt?

Susanne Fritsche: Vor ein paar Jahren sind einige meiner Freunde nach Köln gezogen. Diese Freunde haben sich beschwert, daß es in Kölner Supermärkten keine Ostprodukte zu kaufen gibt. Ich habe ihnen also – im Stile der früheren Westpakete von der Bundesrepublik in die DDR – ein „Ostpaket“ geschickt und noch eine kleine Geschichte dazu verfaßt. In diesem Zusammenhang ist mir dann aufgefallen, daß heute viele junge Menschen mit Begriffen wie „Westpaket“ gar nichts mehr anfangen können. Ich fand, daß ihnen einmal jemand erklären müßte, warum es diese Begriffe in Deutschland gegeben hat.
Wenn man solche Gedanken faßt, fallen einem auf einmal auch andere Dinge auf. Zum Beispiel habe ich in Weimar Jugendliche und Kinder beobachten können, die behaupteten, früher in der DDR sei das Leben viel besser gewesen als heute – diese Kinder und Jugendlichen hatten aber gar nicht unbedingt die DDR noch selbst bewußt erlebt. Ich war der Meinung, daß man da Aufklärung leisten müsse und habe mich an das Projekt gemacht.

Junge Menschen, die die DDR selbst nicht mehr bewußt erlebt haben, werden inzwischen ja durch Ostalgie-Shows oder Filme wie „Kleinruppin forever“ „aufgeklärt“. Eine fragwürdige Angelegenheit, oder?

Fritsche: In diesen Ostalgie-Shows wurden nur bestimmte Dinge hervorgehoben. Eine wirkliche Darstellung der DDR kann eine solche Show nicht leisten. Mir geht es um die historische Entwicklung der DDR und um die Klärung von Begriffen, auch um grundsätzliche Fragen, die mit dem Staat DDR in Verbindung stehen. Es ist hierzu, wie ich in Befragungen von Schülern festgestellt habe, im Osten sehr wenig wirkliches Wissen vorhanden.
Ostalgie-Shows erklären nichts, und Filme wie „Kleinruppin forever“ sehe ich mir nicht mehr an. Das ist einfach Unterhaltung. So etwas ist auch okay – aber es spiegelt eben nicht die Realität wider. Die DDR hatte sehr viele Facetten. Das alles kann man in einem Film gar nicht rüberbringen.

Woher kommt es denn, daß einerseits heutige Jugendliche in den östlichen Bundesländern sehr wenig über die DDR wissen, sie andererseits aber sehr schnell bei der Hand sind, wenn es um Urteile geht? Sprüche wie „Früher war alles besser.“ kennt man ja eigentlich nur von Großeltern.

Fritsche: Ich muß zugeben: Ich habe selbst auch nur sehr wenig gewußt. Ich war zehn, als die Mauer fiel, und der Geschichtsunterricht später hat das Thema DDR nicht sehr ausführlich behandelt. Ich wußte auch über die westdeutsche Geschichte sehr wenig. Ich denke, das hat mit dem Prinzip von Geschichtsunterricht zu tun.
Ein anderer wichtiger Punkt: Es gibt noch immer ein Ost-West-Problem, da schnappen Kinder und Jugendliche viel von ihren Eltern und Großeltern auf. So kommt es zu solchen Äußerungen, in der DDR sei alles besser gewesen. Die Kinder und Jugendlichen verbinden mit der vergangenen DDR allerdings nicht mehr wirklich etwas.
Ich sehe bei allen positiven Ansätzen, die es meiner Meinung nach auch in der DDR gegeben hat, die Gefahr, daß diese Ansätze von jungen Menschen heute falsch aufgefaßt werden und pauschalisiert wird, in der DDR sei alles besser gewesen. Da wird viel ausgeblendet.

Sie selbst sind mit Ihren Eltern zwei Tage nach dem Fall der Mauer, am 11. November, von Ihrer thüringischen Heimatstadt Altenburg zu Verwandten nach West-Berlin gefahren. Welche Eindrücke sind Ihnen von dieser Fahrt, die für eine Zehnjährige sicherlich abenteuerlich war, in Erinnerung geblieben?

Fritsche: Schon die Zeit vorher war sehr aufregend! Ich merkte, auch als Kind, daß etwas los war, ohne natürlich genau zu begreifen, was geschah. Das war für mich auch mit sehr viel Angst verbunden – übrigens eine Angst, die viele meiner Alterskameraden auch hatten, weil wir gar nicht begriffen, was in „unserem“ Staat vor sich ging.
In dem Alter begreift man ja das allermeiste nicht wirklich. Ich wußte, dass es in Berlin eine Mauer gab – ohne mir das nun im einzelnen alles exakt vorstellen zu können.
Ich wußte auch: Wir haben Verwandte im Westen. Die hatte ich aber nie gesehen. Meine Großmutter ist das eine oder andere Mal rübergefahren, um sie zu besuchen, es kamen auch Pakete von drüben. Realisiert habe ich das, was geschah, erst Stück für Stück, als wir an der Grenze einen Grenzpolizisten passierten und der uns einfach nur noch durchwinkte – und natürlich später, als meine Eltern und unsere Verwandten in West-Berlin sich in den Armen lagen.

Sie verwenden in Ihrem Buch relativ viel Raum auf Aspekte wie die vormilitärische Erziehung von Jugendlichen in der DDR, also die Militarisierung des DDR-Schulwesens. Der Schießbefehl, das staatlich verordnete Töten von Republikflüchtlingen, wird ebenso wenig ausgespart wie die exakte Zahl der Selbstschußanlagen an der innerdeutschen Grenze. Warum, glauben Sie, fallen solche Aspekte heute schnell unter den Tisch, wenn die DDR Thema ist?

Fritsche: Einige haben ein Problem mit dem Zusammenschluß von Ost und West, genauer gesagt mit der Art und Weise, wie das vonstattengegangen ist. Das führt zu einer Verklärung des DDR-Bildes bei diesen Leuten. Man findet im Osten häufig die Meinung, daß man das System der Bundesrepublik einfach übergestülpt bekommen habe. Das Ergebnis: Positive Aspekte wie die Kinderbetreuung in der DDR werden in den Vordergrund gerückt – und der Rest vergessen.
Viele im Osten sind nicht mit der Tatsache fertiggeworden, daß die Wiedervereinigung strenggenommen in technischer Hinsicht ein Anschluß gewesen ist. Deshalb wird Negatives an der DDR verdrängt.
Die öffentliche Diskussion zum Thema geht ja immer in mehrere Richtungen. Ich habe manchmal das Gefühl, daß es durchaus gewollt ist, Ossis und Wessis gegeneinander auszuspielen. Aber so etwas ist doch Blödsinn! Man sollte nüchtern und sachlich abwägen: Was an der DDR ist positiv und was ist negativ gewesen? Das fällt einigen Leuten offenbar schwer.

Ihr Buch endet mit dem Thema der Aufarbeitung der DDR. Hierbei fällt auf, daß Sie als Autorin sich mit einer eigenen Bewertung der DDR zurückhalten. Wie bewerten Sie denn sozusagen als gelernte DDR-Bürgerin diesen zweiten deutschen Staat?


Fritsche: Eine endgültige Bewertung fiel mir schwer, als ich das Buch geschrieben habe. Und sie fällt mir auch heute noch schwer. Für mich ist das alles noch sehr junge Geschichte. Auch die Aufarbeitung der DDR ist noch im Gange. So viel kann ich für mich heute fassen: Die DDR ist ein fehlgeschlagener Versuch einer anderen Gesellschaft gewesen. Es gab in meinen Augen in der DDR positive Ansätze – beispielsweise im medizinischen Bereich die Polikliniken –, die vorteilhafter waren als vieles, was wir nach der Wiedervereinigung aus dem Westen übernommen haben.
Aber: Es gibt immer zwei Seiten einer Sache, und man muß sich mit beiden Seiten auseinandersetzen. Die DDR hat ein totalitäres System verkörpert. So etwas kann man nicht akzeptieren. Was mich dabei immer wieder betroffen macht, ist, zu sehen, wie viele Biografien dieser Staat DDR kaputtgemacht hat. Ich habe im Zuge meiner Recherchen für das Buch unter anderem das ehemalige Stasi-Gefängnis in Berlin-Hohenschönhausen besucht, und mich hat erschüttert, hier zu erkennen, was manche Menschen unter diesem Staat erleiden mußten. Dieses Wissen reicht für mich aus, um zu sagen: Ich will, daß es so etwas nie wieder gibt.



Susanne Fritsche: Die Mauer ist gefallen – Eine kleine Geschichte der DDR. 147 Seiten, gebunden, Carl Hanser Verlag
 


Copyright André Hagel und Susanne Fritsche November 2004