Müdigkeit am Vorhandenen


Interview mit Judith Holofernes,

Frontfrau von Wir sind Helden




Sie sind das popmusikalische Aha-Erlebnis des Jahres 2003 schlechthin: Mit ihrem Single-Debüt „Guten Tag“, vor allem aber mit ihrem Album „Die Reklamation“, im Sommer nachgelegt, haben Wir sind Helden bewiesen, daß Popmusik nicht mit inhaltlichen Nullformeln hantieren muß, um chartstauglich zu sein. Am Rande der laufenden Tournee von Wir sind Helden sprach André Hagel mit Frontfrau Judith Holofernes über mißglückte Anwerbeversuche der SPD, die Wiederpolitisierung von Jugend und Musik, über Rio Reiser als inspirierende Bezugsgröße und über noch so einiges mehr.


 


 

 

 

 

 

Sigmar Gabriel, Popbeauftragter der SPD, hat sich bei einem Treffen mit euch in Goslar viel Mühe gegeben, Wir sind Helden für die SPD zu gewinnen, indem er euch eine „kulturelle Nähe zur Sozialdemokratie“ unterstellte. Schon SPD-Mitglied geworden?


Judith Holofernes: (lacht) Nicht wirklich! Das war allerdings einer der lustigsten Momente dieses Gespräches, weil sich da mal wieder gezeigt hat, daß Politiker einfach nicht aus ihrer Haut können.
Wir sind aus reiner Neugierde zu diesem von der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ organisierten Gespräch gefahren, weil wir eine neugierige Band sind und dachten: Ist ja lustig, was man jetzt in unserem Beruf alles machen kann. Ich muß sagen, ich fand es interessant, es hat die Neugierde befriedigt – aber es hat mir schon auch gezeigt, daß ich froh sein kann, daß es nicht zu meinem Beruf gehört, andauernd mit Politikern zu reden.


Wie habt ihr euch bei dem Treffen, aus dem ja ein ganzseitiges Interview – hauptsächlich mit Sigmar Gabriel – geworden ist, gefühlt?
 

Judith Holofernes: Das war in Ordnung, aber es ist natürlich unheimlich schwierig, sich einfach mit jemandem zu unterhalten, der wie Herr Gabriel sehr viel darzustellen hat. Es war kein lockeres, entspanntes Gespräch. Er ist ja noch neu in dem Amt, und man hat gemerkt, daß er Dinge zu erklären und wohl auch zu beweisen hat. Im Endeffekt hat uns das Treffen mit dem Gefühl zurückgelassen, daß Gabriel bestimmt das Beste will, aber daß die Sachen, die er sich für dieses Amt vorgenommen hat, mit Sicherheit schwierig zu verwirklichen sein werden.


Fühltet ihr euch als Künstler, als Musiker ernstgenommen?


Judith Holofernes: Ernstgenommen schon, aber es war sehr offensichtlich, daß man mit jemandem spricht, der in der Materie überhaupt nicht drinsteckt. Das hat Sigmar Gabriel ja auch entwaffnenderweise sofort zu Beginn des Gespräches zugegeben. Entwaffnend im besten Sinne, denn danach kann man auch nicht mehr viel wollen. Andererseits: Wenn so ein Posten besetzt wird, könnte man sich auch überlegen, den mit jemandem zu besetzen, der weiß, wovon er spricht.


Der Vorstoß Gabriels, aus einem positiven Statement von dir zu Joschka Fischer eine Nähe zur SPD zu konstruieren, erscheint natürlich schon an sich gewagt...


Judith Holofernes: (lacht) Das ist gewagt, ja!


...macht aber auch deutlich, wie schnell man als Künstler Gefahr läuft, vor den Karren anderer gespannt werden zu sollen, oder?


Judith Holofernes: Natürlich, auf jeden Fall. Wir haben aus diesem Treffen auch wieder gelernt, daß wir uns nicht immer von unserer Neugierde leiten lassen sollten. Wobei ich das auch schade finde. Ich denke, man sollte sich mit jedem treffen und mit jedem sprechen, wenn es einen interessiert.


Wie verwahrt man sich als Künstler gegen Tendenzen, Kunst immer auf irgendeine Seite ziehen zu wollen, sei es auf die Seite von Herrn Gabriel, sei es auf andere Seiten?


Judith Holofernes: Es gibt natürlich Seiten, auf die wir uns sehr viel lieber ziehen lassen. Bisher habe ich aber weniger das Gefühl, daß irgendjemand versucht, uns zu vereinnahmen, sondern eher, daß Leute, die für ähnliche Sachen wie wir stehen, Verbindung mit uns suchen. Wir kriegen viele Anfragen in der Richtung, uns für irgendwelche guten, wichtigen Dinge auszusprechen, wobei es natürlich schwierig ist, das alles zu erfüllen. Damit habe ich allerdings, ehrlich gesagt, gar nicht ein solches Problem. Wenn wir aber massiv das Gefühl hätten, daß uns etwa eine Partei für sich vereinnahmen will, oder wenn es im Falle Sigmar Gabriels weiter ginge als dieses bißchen Zeitungsartikel, dann müßte man sich schon etwas ausdenken, sich dagegen zu verwahren.


Andere haben anscheinend keine Probleme mit Annäherungsversuchen der Politik – siehe die Ältestenfraktion von Lindenberg bis Westernhagen, die beim Kanzler ein und aus marschiert und Pläuschchen mit ihm hält.


Judith Holofernes: Ich muß sagen, daß ich bei anderen Künstlern auch kein Problem damit habe. Es ist ja nichts gegen Politik einzuwenden, auch grundsätzlich nichts gegen Parteien. Wenn man als Künstler ein Interesse für diese, sagen wir mal, strukturelle Politik hat oder einer bestimmten Partei nahesteht, soll man sich gerne dafür engagieren und Farbe bekennen. Nur liegt das nicht im Wesen unserer Band.


Das Prädikat, politisch zu sein, nehmt ihr für Wir sind Helden ja durchaus in Anspruch. Du selbst ordnest dich politisch links ein. Was bedeutet das für euch konkret?


Judith Holofernes: Wir haben kein Problem damit, wenn wir als politische Band wahrgenommen werden – aber wir sagen auch dazu, daß das nicht unser einziges Hobby ist.
Auf „Die Reklamation“ haben vier von zwölf Liedern einen aufmüpfigen Charakter oder beinhalten gesellschaftliche Beobachtungen – was daran liegt, daß wir über alles schreiben, was uns den lieben langen Tag durch den Kopf spaziert, und natürlich haben wir alle ein politisches Herz und einen politischen Geist. Aber ich für meinen Teil bin in erster Linie Songwriterin.
Ich bin froh, daß die Leute sich auf den politischen Aspekt eingeschossen haben, und wir reden darüber auch gerne. Man hat ja das Gefühl, sich damit ein bißchen nützlich zu machen. Nur: Ich könnte auch zwei Stunden über Songwriting an sich reden, oder über die Frage, was ein gutes Liebeslied ausmacht, oder über was auch immer. Auch dazu hätten wir eine Menge zu erzählen.
Wenn man es als Label sieht, ist es natürlich ein bißchen problematisch, immer die politische Band sein zu müssen. Es gibt sicher ein paar Leute, die gerne hätten, daß wir nur was politisches machen würden. Das sind Leute, die leider immer wieder mal enttäuscht werden müssen und die sich dann irgendwelche Bands suchen, die das vielleicht erfüllen können...
 

...Leute, die zum Beispiel kritisieren, daß euer ganz unpolitischer Song „Aurélie“ nicht weniger populär gehandelt wird als seine gesellschaftskritischen Vorgängerauskopplungen...


Judith Holofernes: Genau. Ich finde „Aurélie“ sehr schön, und wir haben es nicht zuletzt deswegen ausgekoppelt, um auch mal unsere Bandbreite zu zeigen. Als Songwriterin schreibe ich eben mit genau der gleichen Hingabe Liebeslieder und verschrobene kleine Geschichten wie Lieder à la „Müssen nur wollen“ oder „Guten Tag“.


Nochmal zurück zur Frage: Was ist denn für dich konkret politisch „links“? Was verknüpfst du mit dieser Etikettierung?


Judith Holofernes: Damit verknüpfe ich... O Gott, das ist eine extrem komplexe Frage! Ich muß dazu sagen: Ich würde auch nur, wenn ich nach meiner politischen Ausrichtung in unserem politischen Spektrum gefragt würde, mich selbst als links einordnen. Ich bin niemand, der rumrennt und seine linke Gesinnung herumträgt. Das ist keines meiner hervorstechendsten Merkmale. Ich würde mich in erster Linie als menschenfreundlich und eher noch als spirituell ausgerichtet bezeichnen, bevor ich darauf käme, mich als politisch links zu bezeichnen.
Politisch links zu sein bedeutet für mich, ganz platt gesagt, ein Auge darauf zu haben, daß nicht nur die Leute immer mehr kriegen, die sowieso schon das meiste haben, daß man versucht, den Teufel davon abzuhalten, immer auf den größten Haufen zu scheißen – und daß man Dinge nicht aus den Augen verliert, die in den letzten Jahrzehnten und Jahrhunderten erkämpft worden sind, daß man darauf achtet, diese Dinge nicht aus einer generellen Ismus-Feindlichkeit wieder fahren zu lassen.

 

Noch vor kurzer Zeit hätten viele ja keinen Pfifferling auf eine Popmusik gegeben, die jenseits der inhaltlichen Nullformeln der letzten Jahre wieder mit politischen Inhalten aufwartet. Woher kommt nach eurer Einschätzung das neuerwachte Interesse an politisierter Popmusik?


Judith Holofernes: Politische Popmusik hat es natürlich immer gegeben, das neue ist tatsächlich das wiederaufkeimende Interesse daran. Ich glaube, daß wir es hier mit Zyklen zu tun haben, daß immer wieder eine Müdigkeit an etwas Vorhandenem durchschlägt. Das ist ja nicht nur in der Popmusik so – schau dir zum Beispiel die Leute von Attac an, oder andere, die versuchen, die Globalisierung in freundlichere Pfade zu leiten: Jugend scheint sich zur Zeit zu politisieren, mal wieder, dankenswerterweise, und das braucht dann auch einen Soundtrack, denke ich. Ich bin sehr froh, wenn wir einen Teil dieses Soundtracks liefern können.
Optimistin, die ich bin, hoffe ich jetzt aber, daß das alles nicht sozusagen ein weiteres Vorbeikommen des Rades an einer Stelle ist, wo man wieder politischer ist, und das Ganze später wieder abschwächelt. Ich hoffe, daß jetzt wirkliche Veränderungen im Gange sind. Ich habe dabei das Gefühl, daß diese Veränderungen auf einer gleichsam spirituellen Ebene stattfinden, also gar nicht so sehr tagespolitisch sind: Die Leute achten mehr darauf, welche Glücksversprechungen sie umgeben, welche davon funktionieren und welche nicht, und sie lehnen verstärkt diejenigen ab, die eben nicht funktionieren.


Sind wir in den letzten Jahren nicht auch so sehr mit allen möglichen Hypes zugeschwallt worden, hinter denen letztlich nicht viel steckte, daß wir jetzt vielleicht deshalb wieder stärker auf Inhalte achten?


Judith Holofernes: Ja klar, so etwas erzeugt immer schöne Gegenbewegungen. Je mehr Plastik, umso transparenter wird irgendwann dieses Plastik auch – siehe nur diese ganzen Castingshows! –, und umso mehr bekommen die Menschen ein Bedürfnis nach Dingen, die wirklich emotional ansprechen.


Euer Rückbezug auf Rio Reiser und Ton Steine Scherben, denen ihr in euren Konzerten mit „Halt dich an deiner Liebe fest“ eure Referenz erweist, erscheint vor dem Hintergrund eurer Selbstverortung alles andere als zufällig.


Judith Holofernes: Ich bin ein ganz großer Fan von Rio Reiser, und die anderen in der Band auch. Wir wären aber nicht unbedingt von alleine auf die Idee gekommen, Ton Steine Scherben zu covern. Wir hatten eine Anfrage für einen Tributesampler. Als die kam, bin ich wirklich quietschend hintenübergefallen. Wir konnten uns das Stück aus einer langen Liste von Songs aussuchen. Seitdem spielen wir „Halt dich an deiner Liebe fest“ live.
Meine deutschsprachigen Vorbilder sind ganz dünn gesät, und Rio Reiser steht hierbei an vorderster Stelle.


Den Bezug auf Rio Reiser teilt ihr ja mit anderen jüngeren Bands wie zum Beispiel Britta; Echt haben mit Rio Reisers „Junimond“ sogar mal einen Hit gelandet. Warum ist Rio Reiser heute eine so stark inspirierende Bezugsgröße, wie er sie zeit seines Lebens vielleicht nie gewesen ist?


Judith Holofernes: Zunächst hatte er natürlich ganz viele Dinge an sich, die Menschen faszinieren: wahnsinnig viel Herz und extrem viel Leiden, ganz viel Kaputtes. So etwas fasziniert ja immer. Im Rückblick vor allem, aber durchaus auch damals schon, denke ich, hat Rio Reiser aber auch den Geist einer Musik verkörpert, die Soundtrack für gesellschaftliche Umwälzungen ist. Solche Menschen bleiben immer im Gedächtnis. Rio Reiser war aber nicht zuletzt auch von seinem Charisma her einer der ganz, ganz wenigen Rockstars, die wir in diesem Land überhaupt jemals gehabt haben.


Was davon packt euch am meisten?


Judith Holofernes: All das zusammen sicherlich. Was mich selbst dabei am meisten reizt, ist die Hingabe und die Naivität, mit der Rio Reiser Songs geschrieben hat. Politische Songs wie auch Liebeslieder. Er hatte eine sehr direkte Art zu schreiben.


Seltsamerweise wird gemeinhin bei der Betrachtung von Wir sind Helden diese „Reiser-Schiene“ im Traditionsverständnis der Band gerne übersehen und stattdessen der Verweis auf Ideal, gerne auch auf Nena unternommen.
 

Judith Holofernes: Ach, Ideal, ja...


Dieser Hinweis steht bei vielen Rezensionen fast unvermeidlicherweise schon im ersten Satz.
 

Judith Holofernes: (lacht) Ja. Stimmt.


Werden da Wir sind Helden nicht unzulässigerweise auf Neue-Deutsche-Welle-Recycling reduziert?


Judith Holofernes: Das mit der „Reiser-Schiene“ höre ich neuerdings immer öfter, und ich freue mich total darüber, daß die Leute das stärker wahrnehmen. Der Hinweis auf die Neue Deutsche Welle kommt meistens mit einem entschuldigenden Schulterzucken, so nach dem Motto: ‚Also, ich finde das ja nicht, aber man könnte ja sagen, daß...‘ Ich find’s, ehrlich gesagt, nichts schlechtes, und sich über solche Einordnungen zu ärgern, ist ein bißchen wie sich übers Wetter zu ärgern. (lacht) Extrem sinnlos.
Wie wir klingen wollen, haben wir uns selbst ausgesucht. Wie die Leute das lesen wollen, das ist ihre Sache. Wir selber nehmen uns als eine sehr zitierfreudige Band wahr. Wobei aber der Topf, aus dem wir zitieren, größer ist als bei „Guten Tag“, wo ja diese Achtziger-Jahre-Assoziationen am deutlichsten sind. Wir suchen uns Sounds oft danach aus, ob sie uns zum Kichern bringen oder nicht. Das haben Ideal tatsächlich damals schon getan – und mit einer Band verglichen zu werden, die musikalisch so viel Ironie und Anarchie betrieben hat, finde ich nicht das schlechteste.
 

Bleiben wir zum Schluß beim Zitieren: „Meine Stimme gegen die der ganzen Talkshow-Nation“ heißt es ja in „Guten Tag“. Jetzt kommt die Gelegenheit, tabula rasa zu machen: Was nervt euch in Deutschland am meisten?
 

Judith Holofernes: Ich bin ja nicht für große Rundumschläge. Was ich aber wirklich für problematisch halte – auch wenn das nicht nur in Deutschland so ist, sondern so ziemlich überall auf der Welt, wo es Fernsehen gibt –, ist, daß einem so wahnsinnig viel als Vergnügen verkauft wird, was in Wirklichkeit Leiden bedeutet. Und zwar Leiden in den subtilsten Formen, so daß man gar nicht merkt, daß man leidet oder daß man eingeschränkt ist in dem, was man für sich erreichen kann oder erreichen möchte – weil man nicht mehr klar sehen kann, weil man zugebombt wird mit den Träumen anderer. Es ist nicht zu unterschätzen, wie diese ganze Unterhaltungskultur – Infotainment und ähnliche Formate eingeschlossen – die Leute so sehr verunsichert, daß sie glauben, überhaupt nichts ändern zu können, weil alles so komplex und so wirr ist.
 


Interview: André Hagel
 

 


Wir sind Helden im Internet



 

Text: Copyright André Hagel und Judith Holofernes 2003

Foto: Sahin/Labels Germany mit freundlicher Genehmigung
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